Tuschezeichnung / Julius Henninger 1811  Vermerk auf dem Katalogzettel: "Tatuierung, wie solche bei der männlichen Bevölkerung Samoas üblich (...) von J. Henninger in Originalgröße nach dem Leben gezeichnet"

Tuschezeichnung / Julius Henninger 1811

Vermerk auf dem Katalogzettel: "Tatuierung, wie solche bei der männlichen Bevölkerung Samoas üblich (...) von J. Henninger in Originalgröße nach dem Leben gezeichnet"

(un) discovered: South Sea

With its countless islands and archipelagos, the Pacific Ocean served as a projection surface for the “dream of the South Sea” from the age of European expansion between the 15th and early 20th centuries. Tattoo art was referred to in travel accounts of expeditions, such as those by James Cook (1768-1780) or Admiral von Krusenstern (1803-1806). On the skin: The tattoos took the interest of travelers. According to von Krustenstern, the art of puncturing in the Marquesas Islands achieved perfection. The author of "Moby Dick," Herman Melville, who deserted a whaling ship near the Marquesas Islands in 1842, was both fascinated and shocked by the tattoos in his novels. Ethnologists such as Karl von den Steinen, who visited the same island in 1897, described the tattoo craft and the motives in detail out of scientific interest.

Through graphical illustrations of the expedition reports, such as those by von Krusenstern’s travel companion, the naturalist and physician Tilesius von Tilenau (1769-1857), Europeans were given a visual idea of tattoos. In light of the aesthetic ideal of classical antiquity, the artist presented tattooed people as unspoiled wild people in paradisiacal landscapes. This image of the "noble savage" influenced the romantic transfiguring image of the Pacific from the 17th up to 19th century and fueled the fantasies and desires of Europeans. What followed was the (often forced) presentation of numerous residents from the Pacific as an exotic spectacle to audiences in so-called “Volkerschauen” and in salons throughout Europe. In turn, tattoos aroused particular attention and inspired tattoo art in Europe through their designs.

In ethnological museums, the numerous material objects of the inhabitants of the Pacific were shown in a similar romanticized context. For example, the two oil paintings by Bruno Geisler (1857-1945) and Hans Jäger (1887-1955), which can be seen in the exhibition and were on display at the Museum of Ethnology Dresden from 1911 until the Second World War, tend to illustrate the "living conditions" as ideals of the "South Pacific". The paintings are based on the photographs also shown here, whose scenes depicted appear far soberer.

At the beginning of the 20th century the sojourn of the Leipzig surveyor Julius Henninger, who served the colonial government in the colony of "German Samoa," resulted in a life-sized ink drawing of a pe'a (the tattoo of the Samoan man) in 1916, which is exhibited here. The preoccupation with tattooing went so far, that German colonial officials, even the governor Erich Schultz-Ewerth (1912-1914), allowed themselves to be tattooed to achieve colonial-strategic goals by appropriating Samoan practices. 

(un)entdeckt: Südsee

Der Pazifische Ozean mit seinen zahllosen Inseln und Archipelen diente ab dem Zeitalter der europäischen Expansionen vom 15. bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts als Projektionsfläche für den „Traum der Südsee“. In Reiseberichten von Expeditionen, wie denen von James Cook (1768–1780) oder Admiral von Krusenstern (1803–1806), wurde auf die Tattookunst verwiesen. Auf der Haut: Die Tätowierungen erregten das Interesse der Reisenden. Dabei sei die Kunst des Punktierens auf den Marquesas-Inseln, laut von Krusenstern, zur Vollkommenheit gebracht worden. Der Autor von „Moby Dick“, Herman Melville, der 1842 von einem Walfänger vor den Marquesas-Inseln desertierte, war in seinen Romanen ebenso fasziniert wie schockiert von den Tätowierungen. Ethnologen wie Karl von den Steinen, der 1897 die gleichen Inseln besuchte, beschrieben das Tattoohandwerk und die Motive detailliert aus wissenschaftlichem Interesse.

Durch graphische Bebilderungen der Expeditionsberichte, wie jenen von Krusensterns Reisebegleiter, dem Naturforscher und Arzt Tilesius von Tilenau (1769–1857), erhielten Europäer eine visuelle Vorstellung von den Tätowierungen. Im Blick auf das Schönheitsideal der klassischen Antike stellten die Zeichner die Tätowierten als unverdorbene Naturmenschen in paradiesischen Landschaften dar. Dieses Bild des „Edlen Wilden“ prägte die romantisch verklärende Vorstellung des Pazifiks vom 17. bis zum 19. Jahrhundert und befeuerte die Fantasien und Sehnsüchte der Europäer. Was folgte, war die (oftmals erzwungene) Präsentation zahlreicher pazifischer Bewohner als exotisches Spektakel auf Völkerschauen und in Salons vor europäischem Publikum. Dabei erregten Tätowierungen spezielle Aufmerksamkeit und inspirierten durch ihre Motive die Tattookunst in Europa.

In den Völkerkundemuseen wurden die zahlreichen materiellen Objekte der Bewohner des Pazifikraums in einem ähnlichen romantisierenden Kontext gezeigt. So veranschaulichen die beiden Ölgemälde von Bruno Geisler (1857–1945) und Hans Jäger (1887–1955), die in der Ausstellung zu sehen sind und von 1911 bis zum Zweiten Weltkrieg im Museum für Völkerkunde Dresden ausgestellt wurden, eher die „Lebensumstände“ als Wunschbilder der „Südsee“. Die Gemälde basieren auf den ebenfalls hier gezeigten Fotografien, deren dargestellte Szenerien weitaus nüchterner erscheinen.

In die Anfangsphase des 20. Jahrhunderts fällt auch der Aufenthalt des Leipziger Landmessers Julius Henninger im Dienste der Kolonialregierung in der Kolonie „Deutsch-Samoa“, der 1916 eine lebensgroße und hier ausgestellte Tuschezeichnung eines pe’a (Tätowierung der samoanischen Männer) anfertigte. Die Auseinandersetzung mit Tätowierungen ging so weit, dass sich deutsche Kolonialbeamte, wie selbst der Gouverneur Erich Schultz-Ewerth (1912–1914), auf Samoa tätowieren ließen, um durch eine derartige Aneignung samoanischer Praktiken kolonialstrategische Ziele zu erreichen gesuchten.