Juliane Bülow / Stefania Smolkina / Rebekka Katharina Bauer – Universalbox

Video, Sound, Objekte, Installation, 4 x 6m

Eine kulissenhafte Raumkonstruktion als begehbarer Pfad durch Projektionen, Fantasien, Ängste. Das Museum als Box, in der dessen Präsentationsformen und Ausstellungseffekte konzentriert dargestellt und somit verdeutlicht werden. Die offenliegende Konstruktion erweckt den Eindruck einer Außenperspektive, die für den Museumsbesucher gewöhnlich nicht sichtbar ist und dessen Struktur hier selbst zum Exponat wird. Gibt es ein Hinter-den-Kulissen oder gibt es nur ein Auf-der-Bühne?
Wie verstärken die vom Museum in Video, Sound und Objekt eingesetzten Effekte die Distanz des Besuchers zu den alltäglichen Inhalten und somit deren Wahrnehmung als "fremd"? Zu erahnen ist die autoritäre Geste der "Black Box" Museum als Ort der Herstellung von Bedeutung im Modus der Präsentation.

 

Box Konstruktion

Eine Raumkonstruktion im Ausstellungskontext kann als fantastische Kulisse, eine enorme, in sich geschlossen Vitrine des Museums gesehen werden. Ein sauberer schwarzer Innenraum mit Objekten, Sound- und Videocollage wirkt wie ein träumerischer Kinoraum. Zusammen regen sie zum Nachdenken über den Zustand von postkolonialer Repräsentation im Museum der Moderne an: Die unüberwindbare Kluft zwischen Besuchern – die hier zu passiven Zuschauern gemacht werden – und dem Fremden bleibt. Trotz aller Erklärungen, Anordnungen und Systematiken kann die Dimension der ausgestellten Exponate nicht erfasst werden.

 

Video

Seit der späten Kolonialzeit existieren Dokumentaraufnahmen und Filme aus französischen, deutschen und britischen Kolonien. Die Darstellung gab eine entfernte, unerforschte, exotische Welt wieder. In den bewegten Bildern wurde die Zugehörigkeit der sogenannten Terra nullius und ihrer Völker zu den neuen Beherrschern bestätigt. Erste Filme dieser Ära führten eine vielfältige Kombination von Ethnographie, Erziehung, Forschung, Politik und Propaganda zusammen. Diese schwarz-weißen Bilder landeten später in ethnographischen Museen, um bis heute das "Fremde" zu illustrieren.

Für die Universal Box wurden mehr als 20 Videos aus dem deutsch und französisch kolonialisierten Afrika verarbeitet. Auch Aufnahmen aus Modeshows, die in ihrer Ästhetik auf die Kolonialzeit verweisen (z.B. Alexander McQueen, Christian Dior), wurden als gedankliche Brücke zum Gegenwart verwendet.

Schnelle Schnitte, Ein-Zoomen und veränderte Geschwindigkeiten entziehen jegliche mögliche Deutung dieser sorgfältigen Bildauswahl und verweisen so auf die diffusen Narrative im Museum.
 

 

Trailer

Sound

Als Tonspur für die Installation wurden sowohl historische Tonaufnahmen aus der Kolonialzeit, als auch Naturgeräusche aus "sound maps" im Internet verwendet. Diese haben zum Ziel ein umfassendes Soundbild der Welt zu sammeln und abzubilden – ähnlich wie es auch Forscher in der Kolonialzeit mit ihren Phonogrammen und Soundarchiven zum Ziel hatten. Solche "authentischen" Naturgeräusche dienen auch noch heute im ethnographischen Museum dazu, dem Besucher die Illusion einer fremden, exotischen Welt aufzuzeigen. Die Geräusche werden oft austauschbar eingesetzt und dienen vor allem dazu die Klischees einer unberührten Traumwelt aufrechtzuerhalten (Meeresrauschen, Palmen, Trommeln). In der Box erscheint der Sound in leichten bis starken Überlagerungen, wilden Wechseln bis hin zum puren Rauschen immer diffuser worin der Effekt von Beliebigkeit, Verwirrung und Fremdheit vorgeführt wird.

Auf einer zweiten Ebene gibt es das "Außen", das versucht sich im abgeschlossenen Innenraum der Box hörbar zu machen. Feine Löcher in der sonst undurchdringlichen Wand lassen eine Stimme hören. Die geschnittenen Zitate stammen aus dem Lichtenecker-Archiv, die von dem deutscher Künstler Hans Lichtenecker (1891 – 1988) nach 1931 für ein „Rassenarchiv“ im Namibia gesammelt wurden. Die Aufnahmen von Menschen wurden erst 2007 digitalisiert und übersetzt und blieben bis dahin unverständlich.
 

"Wir werden wieder missbraucht. Wir befinden uns wieder in der Konservendose. Mir wurde gesagt, ich soll sprechen. Nun weiß ich nicht, was ich sagen soll. Ich schreie nur, wie ein Hund im Fangeisen."

"Ich kenne die Leute nicht, die diese Dinge benutzen werden", "Wer weiß, wer sie sind?"

"Ich konnte nichts hören und sehen, was geschah. Aber ich konnte nicht durch den Mund atmen. Meine Ohren waren wund, wund, wund. So war das."

"Ich bin nicht einverstanden. Was soll das? Ich weiß nicht, wer das ist, aber ich stehe hier auf der Kiste."

"Ich habe keinen Ehemann und ich sterbe vor Hunger, alleine. Ich habe keinen Ehemann und keine Kinder, so ist es für mich"

"Ich spreche heute zu euch! Ich lebe noch, auch wenn es hart ist."

"Ich wurde heute Morgen von einem Polizisten geholt und hierher gebracht. Hier wurden mir und einem anderen Jungen dieses Zeug ins Gesicht geschmiert, das genau so aussieht wie ich, bloß es kann nicht reden."

 

Objekte

Eine wilde Mischung aus archäologischen, kulturhistorischen, kultischen und alltäglichen Gebrauchsobjekten bilden die Sammlungen von ethnographischen Museen.
Die Umstände der Herkunft bleiben unklar und werden aus dem Narrativ des Museums ausgeklammert.
In einer Zusammenstellung nach bestimmten, vom westlichen Blick konstruierten Systematiken nach Material oder Verwendung werden die einzelnen Objekte zu einem Repräsentant des geheimnisvollen Anderen und verlieren ihre Funktion.

Aus dem Kontext gerissende Objekte vermögen weder physisch noch optisch eine Botschaft weiterzugeben und werden hier zu einem Fest von schönen Formen. Als Vorbild dienen wie für die Soundinstallation die Sammlungspraktiken von Ethnologen wie Hans Lichtenecker. Auf seinen Exkursionen nach Namibia nahm er Fingerabdrücke, Ganzkörperabgüsse und Schädelabformungen an der dortigen Bevölkerung vor, um so ein "Archiv aussterbender Rassen" anzulegen.
Diese Praktiken wurden vielfach praktiziert - auch die staatliche Sammlung in Dresden verfügt noch über ein solches Archiv von menschlichen Gipsabgüssen.
In dem Prozess der Abformung zeigt sich die brutale Aneignungsgeste der westlichen Vormachtstellung.
Über die Menschen selbst oder deren Alltag bleibt im Abdruck jedoch nichts erhalten, er erzählt nichts, bleibt reine Form.

Die für die Installation kreierten Objekte sind, wie Sound und Video nach diesen Kriterien gestaltet, können aber durch Überlagerung, Verformung und Additon nicht mehr eingeordnet werden. Somit bilden sie als Leerstelle eine Projektionsfläche für die Fantasien des Besuchers.
Durch Transparenz und Vielfältigkeit werden sie zu nostalgischen und wunderlichen Kreaturen des vermeintlich ethnographischen Wissens.